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Börsenlabor Lernen

Eröffnungs- und Schlussauktion: wie aus vielen Aufträgen ein Preis wird

Versuchsprotokoll A2, Reihe Marktstruktur und Indizes · veröffentlicht am

Geometrische Illustration einer Balkenwaage, deren Schalen mit vielen unterschiedlich großen Gewichten beladen sind

Elf Aufträge, sechs mögliche Preise, ein Ergebnis: In einer Auktion an der Börse werden Kauf- und Verkaufsaufträge zunächst gesammelt und dann zu einem einzigen Preis ausgeführt. Welcher Preis das ist, lässt sich mit einer Tabelle und zwei Summen bestimmen. Genau das geschieht in diesem Protokoll, und zwar zweimal: einmal mit dem Ausgangsorderbuch und einmal, nachdem ein einziger großer Verkaufsauftrag hinzukommt.

Versuchsaufbau

Frage
Welcher Preis bringt in einer Auktion die meisten Stücke zur Ausführung, und wie empfindlich reagiert er auf einen zusätzlichen Auftrag?
Datensatz
Synthetisches Orderbuch der erfundenen „Musterwerk AG“: fünf limitierte Kaufaufträge, ein unlimitierter Kaufauftrag über 100 Stück, fünf limitierte Verkaufsaufträge.
Preisraster
10,05 € bis 10,30 € in Schritten von 0,05 €.
Rechtlicher Rahmen
§ 24 Abs. 2 BörsG: Börsenpreise müssen ordnungsmäßig zustande kommen und der wirklichen Marktlage entsprechen.

Ablauf: Preisfeststellung in der Auktion

Ein Kaufauftrag mit Limit 10,20 € ist bei jedem Preis bis einschließlich 10,20 € ausführbar. Ein Verkaufsauftrag mit Limit 10,20 € ist bei jedem Preis ab 10,20 € ausführbar. Deshalb werden die Kaufmengen von oben nach unten aufsummiert und die Verkaufsmengen von unten nach oben.

  1. Für jeden Preis die Kaufmenge summieren, deren Limit mindestens so hoch ist, und den unlimitierten Auftrag hinzurechnen.
  2. Für jeden Preis die Verkaufsmenge summieren, deren Limit höchstens so hoch ist.
  3. Das ausführbare Volumen ist jeweils die kleinere der beiden Summen.
  4. Den Preis mit dem größten ausführbaren Volumen auswählen.
Synthetisches Orderbuch der Musterwerk AG (Stück)
LimitKaufVerkauf
unlimitiert1000
10,30 €2000
10,25 €300500
10,20 €400300
10,15 €300400
10,10 €500200
10,05 €0300
Kumulierte Mengen und ausführbares Volumen je Preis
PreisKauf kumuliertVerkauf kumuliertausführbarÜberhang
10,05 €1.8003003001.500 Kauf
10,10 €1.8005005001.300 Kauf
10,15 €1.300900900400 Kauf
10,20 €1.0001.2001.000200 Verkauf
10,25 €6001.7006001.100 Verkauf
10,30 €3001.7003001.400 Verkauf
Ausführbares Volumen je Preisstufe Säulen für sechs Preise von 10,05 bis 10,30 Euro. Das Maximum von 1.000 Stück liegt bei 10,20 Euro. 10,05 10,10 10,15 10,20 10,25 10,30 300 500 900 1.000 (Maximum) 600 300 Preis in Euro, Säulenhöhe in Stück
Dieselben Werte wie in der Tabelle darüber; die hervorgehobene Säule markiert den Auktionspreis.

Auswertung

Bei 10,20 € werden 1.000 Stück ausgeführt, mehr als bei jedem anderen Preis. Auf der Kaufseite kommen alle Aufträge mit Limit ab 10,20 € vollständig zum Zug, einschließlich des unlimitierten Auftrags. Auf der Verkaufsseite stehen 1.200 Stück bereit, aber nur 1.000 werden gebraucht: Die Aufträge mit den niedrigsten Limits werden zuerst bedient, also 300 Stück zu 10,05 €, 200 zu 10,10 € und 400 zu 10,15 €. Vom Verkaufsauftrag mit Limit 10,20 € werden nur 100 der 300 Stück ausgeführt.

Alle Beteiligten erhalten denselben Preis. Wer bereit war, für 10,30 € zu kaufen, zahlt 10,20 €. Wer schon für 10,05 € verkauft hätte, bekommt ebenfalls 10,20 €. Darin liegt der Sinn des einheitlichen Preises: Er bündelt die Nachfrage eines Zeitpunkts, statt sie in viele Einzelgeschäfte zu zerlegen. Ob ein solcher Preis der wirklichen Marktlage entspricht, wie es § 24 Abs. 2 BörsG verlangt, hängt davon ab, dass die Aufträge zugänglich waren und das Verfahren ordnungsgemäß ablief.

Gegenprobe: ein großer Verkaufsauftrag kommt hinzu

Nun wird ein zusätzlicher Verkaufsauftrag über 800 Stück mit Limit 10,10 € eingestellt. Alles andere bleibt gleich.

Gegenprobe mit zusätzlichem Verkaufsauftrag über 800 Stück zu 10,10 €
PreisKauf kumuliertVerkauf kumuliertausführbarÜberhang
10,05 €1.8003003001.500 Kauf
10,10 €1.8001.3001.300500 Kauf
10,15 €1.3001.7001.300400 Verkauf
10,20 €1.0002.0001.0001.000 Verkauf
10,25 €6002.5006001.900 Verkauf
10,30 €3002.5003002.200 Verkauf

Jetzt erreichen zwei Preise dasselbe Maximum von 1.300 Stück. Die Regel „größtes Volumen“ allein entscheidet nicht mehr. Regelwerke von Handelsplätzen ziehen für diesen Fall weitere Kriterien heran; ein naheliegendes ist der kleinere verbleibende Überhang. Nach diesem Kriterium läge der Preis bei 10,15 €, weil dort 400 Stück offen bleiben statt 500. Welche Zusatzkriterien in welcher Reihenfolge gelten, steht im Regelwerk des jeweiligen Handelsplatzes und wurde für dieses Protokoll nicht ausgewertet.

Ein einzelner Auftrag hat also den Preis um 0,05 € gesenkt und das Volumen um 300 Stück erhöht. Je dünner ein Orderbuch, desto stärker wirkt ein einzelner großer Auftrag.

Was sich übertragen lässt

  • Ein Auktionspreis entsteht aus kumulierten Mengen, nicht aus dem höchsten Gebot oder dem niedrigsten Angebot.
  • Alle ausgeführten Aufträge erhalten denselben Preis, unabhängig von ihrem Limit.
  • Bei Gleichstand entscheiden Zusatzregeln, und die stehen im Regelwerk, nicht im Gesetz.

Was geschieht, wenn mitten im fortlaufenden Handel ein Preis weit vom letzten Kurs entfernt zustande käme, untersucht das nächste Protokoll: Volatilitätsunterbrechung und Preiskorridore.

Quellen und Stand

  • § 24 BörsG, Börsenpreis und ordnungsmäßiges Zustandekommen, abgerufen am 06.10.2026
  • Orderbuch und alle Mengen: synthetische Versuchsdaten, keine echten Kurse