Zum Inhalt springen
Börsenlabor Lernen

Streubesitz im Index: warum nicht der ganze Börsenwert zählt

Versuchsprotokoll A6, Reihe Marktstruktur und Indizes · veröffentlicht am

Geometrische Illustration mehrerer Blöcke, die unterschiedlich tief unter einer Wasserlinie liegen

Börsenwert und Streubesitz klingen nach derselben Größe, messen aber Verschiedenes. Der Börsenwert zählt alle Aktien eines Unternehmens zum aktuellen Kurs. Der Streubesitz, englisch Free Float, zählt nur den Teil, der tatsächlich gehandelt werden kann, weil er nicht fest in der Hand von Großaktionären liegt. Für einen Index, der sich nach dem einen oder dem anderen richtet, entstehen daraus deutlich verschiedene Gewichte. Wie verschieden, zeigt ein Versuch mit fünf erfundenen Unternehmen.

Versuchsaufbau

Frage
Wie verändern sich die Gewichte, wenn ein Index statt des gesamten Börsenwerts nur die frei handelbaren Aktien zählt?
Datensatz
Fünf erfundene Unternehmen mit zusammen 1.000 Einheiten Börsenwert und Free-Float-Quoten zwischen 25 % und 100 %.
Rechenweg
handelbarer Wert = Börsenwert × Free-Float-Quote; Gewicht = eigener Wert ÷ Summe aller Werte.
Bezug
Fortsetzung von Protokoll A5, das mit reinen Börsenwerten gerechnet hat.

Ablauf: Gewichte nach Börsenwert und nach Streubesitz

Gewicht nach Börsenwert und nach Streubesitz (synthetisch)
UnternehmenBörsenwertFree-Float-QuoteGewicht nach Börsenwerthandelbarer WertGewicht nach handelbarem Wert
Werk Nord40025 %40,00 %10017,09 %
Werk Süd25090 %25,00 %22538,46 %
Werk Ost20060 %20,00 %12020,51 %
Werk West100100 %10,00 %10017,09 %
Werk Mitte5080 %5,00 %406,84 %
Summe1.00058,5 %100,00 %58599,99 %

Die Summe der Gewichte nach handelbarem Wert ergibt durch Rundung auf zwei Nachkommastellen 99,99 %. Die durchschnittliche Free-Float-Quote des Gesamtindex liegt bei 585 ÷ 1.000 = 58,5 %.

Auswertung

Werk Nord ist mit 400 Einheiten das mit Abstand größte Unternehmen, aber drei Viertel seiner Aktien sind fest gebunden. Nach Streubesitz fällt sein Gewicht von 40,00 % auf 17,09 % und liegt damit gleichauf mit Werk West, das nur ein Viertel so viel wert ist, dessen Aktien aber vollständig frei gehandelt werden. Werk Süd steigt dagegen von 25,00 % auf 38,46 % und wird zum schwersten Wert.

Die Reihenfolge der Größe hat sich also deutlich verschoben, ohne dass sich ein einziger Kurs bewegt hätte. Der naheliegende Grund für die Gewichtung nach frei handelbaren Aktien liegt im Zweck eines Index: Wer ihn nachbilden will, kann nur Aktien kaufen, die am Markt verfügbar sind. Eine hohe Gewichtung für Aktien, die gar nicht angeboten werden, würde diese Nachbildung erschweren.

Gegenprobe: ein Großaktionär verkauft

Angenommen, der Großaktionär von Werk Nord gibt die Hälfte seiner Beteiligung von 75 % ab und platziert sie breit. Die Free-Float-Quote steigt auf 62,5 %, der handelbare Wert auf 250 Einheiten. Kurse und Börsenwerte bleiben gleich.

Gewichte nach handelbarem Wert vor und nach dem Verkauf
Unternehmenvorhernachher
Werk Nord17,09 %34,01 %
Werk Süd38,46 %30,61 %
Werk Ost20,51 %16,33 %
Werk West17,09 %13,61 %
Werk Mitte6,84 %5,44 %

Die Summe der handelbaren Werte steigt von 585 auf 735 Einheiten. Werk Nord verdoppelt sein Gewicht beinahe, alle anderen verlieren anteilig. Ein Indexgewicht kann sich also durch eine Änderung der Eigentümerstruktur verschieben, ganz ohne Kursbewegung. Wann ein Indexanbieter eine neue Quote übernimmt, ob sofort oder erst an einem Überprüfungstermin, legt seine Methodik fest.

Was sich übertragen lässt

  • Ein großer Börsenwert bedeutet nicht automatisch ein großes Indexgewicht.
  • Veränderungen der Eigentümerstruktur verschieben Gewichte, auch wenn der Kurs gleich bleibt.
  • Die Abgrenzung des Streubesitzes ist eine Methodenfrage des Indexanbieters, nicht eine feste Marktgröße.

Damit ist Reihe A abgeschlossen. Reihe B wechselt von der Frage, wie ein Markt organisiert ist, zur Frage, welche Schwankung ein Depot trägt: Systematisches und unsystematisches Risiko.

Quellen und Stand

  • Art. 13 Benchmark-Verordnung, Offenlegung der wesentlichen Methodik-Elemente, abgerufen am 06.10.2026
  • Unternehmen, Börsenwerte und Quoten: synthetische Versuchsdaten