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Börsenlabor Lernen

Klumpenrisiko: Branche, Land und Heimatmarkt als verdeckte Schwerpunkte

Versuchsprotokoll B4, Reihe Risiko und Streuung · veröffentlicht am

Ein Wandbrett, das auf einer Seite mit Gläsern überladen ist und sich dort sichtbar durchbiegt

Ein Wandbrett mit acht Gläsern sieht ordentlich gefüllt aus, bis man merkt, dass fünf davon am selben Ende stehen und das Brett dort durchhängt. Klumpenrisiko funktioniert genauso: Ein Depot kann viele Positionen enthalten und trotzdem an einer Stelle überlastet sein, weil mehrere Positionen von derselben Branche, demselben Land oder denselben Kunden abhängen. Dieses Protokoll ist als Prüfablauf aufgebaut: Signale, Ursachen, Rechenschritte und offizielle Informationswege.

Versuchsaufbau

Frage
Wie lassen sich Schwerpunkte erkennen, die beim bloßen Zählen der Positionen verborgen bleiben?
Datensatz
Synthetisches Depot aus acht gleich gewichteten Positionen P1 bis P8 zu je 12,5 %.
Prüfdimensionen
Branche, Land des Unternehmenssitzes, gemeinsame Abhängigkeiten.
Werkzeug
Gewichte je Gruppe aufsummieren; effektive Anzahl der Gruppen wie in Protokoll A5.

Signale, die auf einen Klumpen hindeuten

  • Mehrere Positionen reagieren auf dieselbe Nachricht, etwa eine Zinsentscheidung oder eine Rohstoffpreisänderung, gleichzeitig.
  • Die Liste der Positionen ist lang, die Liste der Branchen kurz.
  • Der überwiegende Teil der Unternehmen hat seinen Sitz im eigenen Land, obwohl der Aktienmarkt dieses Landes nur einen Teil des Weltmarkts ausmacht.

Woher solche Schwerpunkte kommen

Klumpen entstehen selten absichtlich. Bekannte Namen aus dem eigenen Umfeld können vertrauter wirken, Nachrichten über heimische Unternehmen sind oft leichter zugänglich, und Positionen, die stark gestiegen sind, wachsen im Depot von selbst zu einem größeren Gewicht heran. French und Poterba beschrieben 1991 die Neigung zum Heimatmarkt mit Zahlen: In ihren Schätzungen hielten Anleger in Japan mehr als 98 % ihres Aktienvermögens im Inland, in den USA 94 % und in Großbritannien 82 %. Nach ihrer Auswertung ließ sich diese Verteilung eher durch Entscheidungen der Anleger als durch institutionelle Beschränkungen erklären; die Portfolios entsprachen Erwartungen, die heimischen Märkte würden um mehrere hundert Basispunkte besser abschneiden.

Prüfschritte am Beispieldepot

  1. Jede Position einer Branche und einem Sitzland zuordnen.
  2. Gewichte je Branche und je Land aufsummieren.
  3. Die effektive Anzahl berechnen: 1 ÷ Summe der quadrierten Gruppengewichte.
  4. Die Zahl der Positionen mit der effektiven Anzahl der Gruppen vergleichen.
Synthetisches Beispieldepot mit acht Positionen
PositionGewichtBrancheSitzland
P112,5 %IndustrieInland
P212,5 %IndustrieInland
P312,5 %IndustrieInland
P412,5 %IndustrieInland
P512,5 %Industrieübriger Euroraum
P612,5 %GesundheitInland
P712,5 %VersorgungInland
P812,5 %HandelNordamerika
Gruppengewichte und effektive Anzahl
Sichtgrößte GruppeGewichteffektive Anzahl
Positionenjede einzeln12,5 %8,00
BranchenIndustrie62,5 %2,29
SitzländerInland75,0 %1,68

Rechenweg für die Branchen: 0,625² + 3 × 0,125² = 0,4375; 1 ÷ 0,4375 = 2,29. Für die Länder: 0,75² + 2 × 0,125² = 0,59375; 1 ÷ 0,59375 = 1,68.

Auswertung

Acht Positionen verhalten sich nach Branchen gezählt wie gut zwei, nach Sitzland wie knapp zwei gleich große Blöcke. Die Gleichgewichtung der Positionen täuscht also eine Breite vor, die auf der Ebene der gemeinsamen Einflüsse nicht besteht. Fällt die Nachfrage nach Industriegütern, trifft das alle fünf Industriewerte auf einmal; vier davon haben zudem ihren Sitz im Inland.

Gegenprobe: Abhängigkeiten quer zu den Branchen

Angenommen, P6 und P7 gehören zwar zu anderen Branchen, beliefern aber überwiegend dieselben Industriekunden wie P1 bis P4. Dann bilden plötzlich sieben von acht Positionen einen gemeinsamen Block, obwohl die Branchentabelle vier Branchen ausweist. Die Gegenprobe zeigt die Grenze jeder Einteilung: Branchen- und Länderlisten erfassen nur die Dimensionen, nach denen sie gebildet wurden. Gemeinsame Kunden, Lieferketten oder Finanzierungsquellen bleiben unsichtbar, solange niemand danach fragt.

Was sich übertragen lässt

  • Die Zahl der Positionen ist kein Maß für Streuung; die effektive Anzahl der Gruppen ist aufschlussreicher.
  • Klumpen zeigen sich je nach Dimension unterschiedlich, deshalb lohnt der Blick nach Branche, Land und gemeinsamen Abhängigkeiten.
  • Die Neigung zum Heimatmarkt ist ein gut dokumentiertes Muster, kein individueller Ausnahmefall.

Offizielle Informationswege

Allgemeine Verbraucherinformationen zu Geldanlage und Risiken veröffentlicht die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) auf ihren Seiten für Verbraucherinnen und Verbraucher. Branchen- und Länderzuordnungen einzelner Unternehmen lassen sich in deren Pflichtveröffentlichungen nachlesen, die über das Unternehmensregister zugänglich sind.

Klumpen in der Branche oder im Land ändern nichts daran, wie stark ein einzelner Kursverlauf schwankt. Wie man diese Schwankung misst und warum eine Kennzahl allein in die Irre führen kann, zeigt das letzte Protokoll der Reihe: Volatilität und maximaler Rückgang.

Quellen und Stand